‘Plattenspiele – Only Vinyl’ – die neue XXL Ausgabe der Radioshow mit Mathias ‘Matze’ Welp

Wann:
16. September 2020 um 19:05 – 21:00
2020-09-16T19:05:00+02:00
2020-09-16T21:00:00+02:00

Mathias Welp

Mathias Welp moderierte auf mehreren ARD-Wellen Pop- und Jugendsendungen sowie Magazine. “Eine irrsinnig lange Zeit, in der sich abertausende Vinylplatten angesammelt haben”. Mit dem Besten aus Rock, Blues, Folk, Country, Jazz – und natürlich Pop, fährt er seine wöchentliche Oldie-Show vom Plattenteller. “CD´s und mp3-Musik fasse ich bei den Plattenspielen nicht an”, sagt er.  Dafür lässt er das untergegangene „Old Fashion Radio“ wieder aufleben. Matze war schon als Junge vom englischsprachigen Dampfradio bei AFN und BFBS infiziert, bevor er in den Siebzigern selbst DJ bei der Europawelle Saar (SR1) und dem Südfunk Stuttgart (SDR3) wurde. Für den Springer-Verlag moderierte er bei „Radio Adria“. Heute versetzt er seine Hörer und sich selbst gerne wieder in die alte Zeit zurück – mit Scheiben aus den 40ern bis in die 90er: „Wenn ich eine Sendung beginne, weiß ich meist nicht, wie sie endet“, sagt Matze, der sich vor allem am liebsten selbst überrascht.

 

Mathias Welp:

Plattenspiele mit Matze – Only Vinyl

Warum ich noch immer auflege – und dabei auflebe!

Mit 66 Jahren fängt das Leben bekanntlich erst an. Für die meisten Radiomoderatoren hört es aber spätestens dann schon auf. Pech gehabt? Nein. Einfach nochmal anfangen! Alles von vorn? Wie bitte? Im Ernst?

Zwei EMT-Plattenteller, rechts und links, zwei alte Bandmaschinen, zwei Jingleplayer.

Los geht’s! So wie früher, in den analogen 70ern?

Ja, ganz genau so!

Ich rieche förmlich noch die Studioluft bei SR1 Europawelle Saar, da sendete ich abends. Bei Südfunk Stuttgart (früher SDR3) machte ich Frühsendungen – immer meinen Vinyl-koffer dabei. Das ist fast 45 Jahre her. Die Zeiten sind nicht besser geworden und das Radio leider auch nicht.

Für Axel Springer war ich zwei Sommer lang in Italien: Radio Adria hieß der Urlaubssender ohne Ledercouch im Vestibül, ohne Kasino, Fuhrpark, Pförtner.

Dafür hinterließen die Strandgäste ihren Sand im Mischpult. Eine harte Schule. Aber es hat Spaß gemacht, vielleicht soviel wie 40 Jahre Verlags- und Fernseharbeit zusammen, die noch folgen sollten.

Damals, Anfang der 80er, schrieb ich im Playboy eine kecke Glosse: „Macht endlich Dampf im Radio!“

Motto: Schafft die Intendanten ab, ich mach´s alleine.

So verkrustet schien dem jungen Heißsporn damals das ausschließlich öffentlich-rechtliche Programm. Die Privatisierung des Hörfunks stand bevor. Endlich: Pionierzeit. Der damalige Hörfunkdirektor des NDR, Prof. Wolfgang Jäger ging auf die Palme. Wie recht er hatte.

Denn Dreißig Jahre später wissen wir es besser. Die ARD-Sender waren kein Beamtenfunk, sondern nur recht durchdachtes Einschaltradio, das nur ein paar Lockerungsübungen brauchte.

Dann kam es zur Erbsünde der Durchhörbarkeit. Den ganzen Tag dieselbe Musikfarbe – letztlich ein Diktat der Werbung, die sicherer auf Kundschaft zielen will.

Was haben nun viele Hundert Privatstationen und Web-Radios gebracht? Volle Werbeblöcke, gute Umsätze. Und obercoole Phrasenstrippen, die in gestelztem Jungjargon schon morgens auf den Nerv gehen („Noch dreimal schlafen bis zum Wochenende“, „Gestern war Mädelsabend“, „Likest Du diese App?“) – und diese Brillanz auch noch in Stereo, also paarweise. Leider wird die Sorge oft mitübertragen, nicht allzu witzig zu sein. Hörer könnten immerhin abspringen.

Aber Geschmackssache. Millionen lassen sich geduldig amüsieren, keine Frage: „Ich wünsche Ihnen viel Spaß“ bis „ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht“ – da ist der Spaß dann jedenfalls für mich vorbei.

Dafür braucht es die Privaten nicht. Das konnte die ARD sogar schon in den 50ern, als meine Hörerlebnisse noch ungetrübt begannen.

Das Ärgerlichste aber liegt noch ganz woanders: In der mangelnden Vielfalt. „Die 80er, 90er und das Beste von heute“ tönt es strategisch von allen Wellen oder „Ihre Lieblingshits – genau meins“.

Solches Geclaime verrät Mainstream, also den Einheitsbrei, wie aufregend!

Warum nicht zwischendurch mal „deins“? Es schreit nach Regelverletzern, nach Radioleuten, die gegen den Strom schwimmen. Nach Sendungen mit Kanten und Ecken, die nach etwas riechen und schmecken. Mit Comedy auf allen Frequenzen ist es kaum getan.

Auch viele Sprecher variieren in ihrer überschlagenden Fröhlichkeit kaum noch. Wohl weil die Sender inflationiert sind. Aus einigen Dutzend Mikrofon-Persönlichkeiten wurden abertausende meist anbiedernde Radiostimmen, die ihr „Produkt Sender“ zu verkaufen haben.

Prominente Matadore, die es so gesehen früher leichter hatten, sind abgetreten: Fred Metzler, Hans Karl Schmidt (Atze), Elmar Gunsch, Sexauer und Heck. Achim Graul ist im Ruhestand. Hoffentlich hören wir von Thomas Gottschalk, Carlo von Tiedemann oder Werner Reinke noch lange was. Stimmen, denen man folgt, auch wenn die sich kaum um was bemühen.

Hier geht es nicht um Spartenradio, das funktioniert. Die ARD-Sender haben ihr breites Angebot von Info und Kultur, Klassik, Schlager und Pop-Rock hervorragend aufgefächert.

Gemeint sind große AC-Wellen für die breiten Massen, seien sie öffentlich-rechtlich oder rein kommerziell. Was macht den Unterschied?

Bei den Privaten sind es ein paar Gewinnspiele mehr, weil sie allein von Werbung leben müssen, das ist verständlich.

Playlists, die -wenn überhaupt- gerade mal an ein paar Hundert Titel stoßen, rotieren die Charts der Neuerscheinungen oder Oldies rauf und runter. Bei Jugendwellen glaubt man sogar, der Vorrat passte auf eine CD. Fehlanzeige für den, der auch mal die Pogues, Steely Dan oder Boz Scaggs erwartet. Schon solche bekannten Namen hat kaum ein Studiorechner auf dem Schirm, geschweige denn King Crimson, Alexis Korner oder Anne Clark.

„Nicht gängig genug“, sagt die Musikredaktion? Hallo! Was nicht läuft, kann auch nicht gefallen! Felix Jaehn und Rita Ora, die Bee Gees und Elton John sollen ja – aber bitte im Mix mit Ausreißern, die leider fehlen und somit Sendungen zum Mitsingen riskieren. Wie sagte mir doch mal der legendäre HR-Unterhaltungschef Hanns Verres: „Wir sollten nicht nur spielen, was die Hörer hören wollen, sondern auch das, was sie hören sollten!“ Das hat nichts mit Bevormundung zu tun, aber mit Angebot.

So. Was will er nun eigentlich anders machen, der „oberschlaue alte Vinyl-Matz“ mit seinen Plattenspielen? Gewiss hat er einen anspruchsvollen Mix aus Pop und Rock, Punk, Folk und Country auf den Tellern, manchmal klingt es sogar jazzig. Die Moderation recht knackig, wenn´s geht, mit uralten

Jingles und Overtalks über den Intros. Eben old-school AFN- und BFBS/BFN-Style. Und bitte: Überraschungen im Programmablauf. Ich weiß selbst nie, wie der endet. Schnelle Sendungen gerne, solange noch Stimme und Birne mitmachen.

Nicht jedermanns Ding, ich bitte um Nachsicht. Aber genau hier liegt die Chance von kleinen Lokal- und Regionalsendern, teils mit offenem Bürgerzugang: Ausbruch auf der ganzen Linie. Keine Werbung, kein Formatzwang oder Quotendruck. Media-Analysen lassen ehrenamtliche Radiomacher kalt. Die sind nicht werberelevant. Die Hörertelefone klingeln trotzdem.

Die „Plattenspiele mit Matze – Only Vinyl“ kochen gerade 500 mal, zugegeben auch nur mit Wasser. Gerne mit kleinen Stolpersteinen, die dann hoffentlich zu spontanen Geschichtchen werden, persönlichen Erinnerungen rund um die Vinylplatte. Ich liebe sogar Patzer, sie sollten nur nicht abgegriffen sein. Radio hat mein Leben infiziert. Genesung bleibt recht unwahrscheinlich.

 

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